Eine Kindheit in Övelgönne: Das Abflußrohr

Ein warmer Spätsommertag in Övelgönne der 30er Jahre: Drei „Stadtsches“ sonnen sich vor der Mündung eines Ablußrohres, während die Övelgönner Jugend gelangweilt ihren Gedanken nachhängt. Mit Regen ist nicht zu rechnen.

„Das Abflußrohr“ ist sicherlich ein eigenartiger Name für eine echte Oevelgönner Geschichte. Aber ebenso eigenartig ist das Abwassersystem für Regenwasser in Oevelgönne. Ich glaube nicht, dass es den vielen tausend Menschen, die jährlich ihren Spaziergang durch Oevelgönne machen, schon mal aufgefallen ist, daß selbst bei starkem Regen nirgendwo in irgendeiner Senke des Fliesenwegs sich eine größere Wasserlache gebildet hat. Denn in jeder Senke des Weges ist ein richtig schönes, großes „Siel“ eingebaut. Dieses Siel ist aber nicht an die allgemeine Abwasseranlage angeschlossen, sondern es geht ganz einfach durch den jeweiligen Vorgarten hinunter zum Strand. Dort tritt es meistens in Form eines dicken Gußeisenrohres aus der Gartenmauer heraus. Die Höhe der Rohre in der Gartenmauer ist sehr unterschiedlich; sie liegt zwischen ein und zwei Metern. Dieses war die technische Einleitung.

Wir saßen auf dem Eisengitter des Horstmannschen Vorgarten. Wir, das heißt Buzi Horstmann, seine Schwester Ute und ich. Uns plagte mal wieder die Langeweile. Wir wußten einfach nicht, was wir anfangen sollten. Es war ein warmer Spätsommertag.

„Laßt uns mal an den Strand gucken“, sagte Buzi. Wir schlenderten langsam durch den unteren Vorgarten. Am Strand war es wie immer. Ein paar „Stadtsches“ lagen hier und da in der Sonne, Kinder spielten am Wasser. Ein Holzsammler ging vorbei.

Auf dem Wasser spielte sich auch nicht wenig ab. Ein Ewer, der den Heuhafen von Neumühlen nicht mehr erreicht hatte, war bei uns „vor der Tür“ zu Anker gegangen. Plötzlich sagte Ute: „Seht mal da, all das Zeug auf dem Rohr.“ Wir schauten an der Gartenmauer herunter. Drei Leute hatten es sich unter unserem Regenrohr bequem gemacht.

Alles Zeug, das sie für überflüßig hielten, hatten sie über die Rohrmündung gehängt. Obenauf thronte ein Strohhut. Wir betrachteten die Leute genauer: Es waren ein Mann und zwei Damen – alle im Alter unserer Eltern. Sie lagen wie hingegossen auf zwei Wolldecken, ca. 1 1/2 Meter vor der Rohrmündung. Ein wirklich beschauliches Bild.

Nach einer Weile meinte Buzi: „Wenn es nun plötzlich Regen geben würde, dann würden die Leute da aber eine große Überraschung erleben.“ Ich sah zum Himmel: „Bei diesem Wetter ist nicht mit Regen zu rechnen; und außerdem, wenn sich der Himmel beziehen würde, dann würden die Leute schon rechtzeitig abhauen.

Eine Weile guckten wir auf das Rohr und auf die darunter liegenden Leute. Jeder hing seinen Gedanken nach. Da sagte Ute: „Dem Regen könnte man doch etwas nachhelfen“, ihre Augen leuchteten dabei. Sie war ein richtiger kleiner Schelm. „Wieso meinst Du das?“, fragte ihr Bruder, obwohl er ihre Gedanken schon erraten hatte. „Wenn man nun einen Eimer Wasser oder nur einen halben in das Siel schüttet – es soll ja nicht viel sein, es braucht ja nur ein bisschen aus dem Rohr zu tröpfeln. Das wäre doch schon ein Riesenspaß.“ „Eine Klasse-Idee!“ Wir grinsten alle drei wie Spitzbuben. Schon waren wir auf dem Weg, um aus Horstmanns Schauer einen Eimer zu holen. Auf dem Hof war ein Wasserhahn. Wir füllten den Eimer und trugen ihn zum Siel.

Vorsichtig schütteten wir das Wasser in das Siel – dann schnell den Eimer hinter das Gitter gestellt und runter zum Untergarten ans Gitter. Nichts passierte, es kam auch nicht ein Tropfen. Wir warteten mindestens zehn Minuten. Nichts tat sich. Ich meinte:“ Sicherlich wird Schmutz im Rohr sein, und der saugt das wenige Wasser auf.“ Buzi sagte: „Wir müssen mindestens noch einen Eimer hineinschütten.“ Also: Wieder auf den Hof; einen neuen Eimer Wasser holen. Nachdem das Siel auch diesen Eimer geschluckt hatte, sausten wir wieder zum Gartengitter.

Auch diesmal nichts, kein Tropfen! Enttäuscht starrten wir auf das Rohr. Unsere Vorfreude schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Es wäre doch zu schön gewesen, wenn es aus dem Rohr ein bischen gepinkelt hätte. Ich war es, der zu einem weiteren Eimer riet. Nach einigem Zögern machten wir uns auf den Weg. Ein neuer Eimer Wasser landete in dem Siel. Buzi kniete sich über das Siel und sah hinein. „Man kann das Wasser schon sehen, es scheint gar nicht abzulaufen.“ Diesmal gingen wir langsam ans untere Gartengitter – die Enttäuschung schon voraussehend. Tatsächlich, nichts tat sich. Kein Tröpfchen Wasser! Wir gingen wieder nach oben und Buzi peilte noch einmal den Wasserstand im Siel, genau wie vorher. Wir drei sahen uns enttäucht an. Ute sagte: „Ich kann das gar nicht verstehen, das Siel war doch immer in Ordnung. Beim letzten kleinen Regen habe ich noch vom Fenster aus gesehen, wie gut es ablief. Das ganze Laub vom Weg hat es mitgeschluckt. Wir sollten noch einen Eimer probieren.“ Mit den ersten Anzeichen eines schlechten Gewissens schlichen wir auf den Hof, um einen weiteren Eimer Wasser zu holen.

Eigentlich sollte es aus dem Rohr ja nur ein klein bisschen tröpfeln. Aber nun hatten wir schon den vierten Eimer in dem Siel. Dieser vierte Eimer füllte das Sielrohr bis zur Straßendecke. Fast mißmutig traten wir an das untere Gartengitter. Alles war wie zuvor. Das Zeug hing über der Rohrmündung; auch nicht das kleinste Tröpfchen Wasser zeigte sich an dem Zeug. Die Leute lagen auf ihrer Decke und schliefen anscheinend.

Ich machte den Vorschlag, mal mit einer Wäschestütze in dem Siel herumzustochern. „Hat wohl keinen Zweck“, meinte Buzi. „Das Rohr macht wohl bald unter der Straßendecke einen scharfen Knick.“ Ute sah die Sache von der technischen Seite. „Sicherlich ist im Rohr eine kleine Verstopfung, und die kann man nur mit Wasserdruck von oben beheben. Also noch einen Eimer mit Wasser.“ Buzi und ich sahen uns an. „Na gut.“ Der nächste Eimer Wasser verteilte sich schon auf der Straße, einen guten Meter nach jeder Seite vom Siel. „Kommt, wir gehen erst mal an den Strand und hauen uns in den Sand.“

Mit den unschuldigsten Minen der Welt zuckelten wir die Wolfsche Strandtreppe herunter; auffallend gelangweilt sahen wir uns am Strand um, als wenn wir nicht wüßten, wo wir uns niederlassen sollten. Zögernd wählten wir einen Platz, gut drei Meter von besagten Leuten und dem Abflußrohr entfernt. Eine ganze Weile lagen wir im warmen Sand, machten unsere beliebten Spielchen: Tunnel graben, die dann mit kleinen Steinen (Granaten) befeuert wurden.

Wir hatten schon eine ganze Zeit mit diesen schönen Spielchen zugebracht, als plötzlich unsere drei Köpfe hochschnellten – wie von einem Band gezogen. Wir starrten auf das Ablußrohr. Ein dumpfes Glucksen war in dem Rohr zu hören, als wenn ein Riese hineingerülpst hätte. Dann kam die Katastrophe: das Zeug auf der Rohrmündung wurde von einem dicken, pechschwarzen Strahl von altem Laub und Wasser auf die darunter liegenden Leute herabgeschleudert. Die Leute schossen hoch wie von einer Tarantel gestochen. Sie kamen nur bis in die Sitzstellung, weil sie sich vollkommen in ihrem pechschwarzen Zeug vertüttelt hatten. Der nachfolgende Strahl klaren Wassers ließ sie nach Luft schnappen. Dann war der Spuk vorbei!

Buzi raunte uns zu: „Kommt, wir verschwinden!“, aber ich hielt ihn und sein Schwester zurück. In meinem Kopf hatte sich eine Idee breitgemacht. Ich flüsterte ihnen zu: „Wir können doch gar nichts mit der Sache zu tun haben; wir liegen doch schon eine ganze Weile hier im Sand. Aber wenn wir jetzt abhauen, dann machen wir uns verdächtig.“ „Er hat recht“, sagte Ute. Ich hatte mich erhoben und ging auf die Leute zu. „Können wir Ihnen irgendwie helfen, ich meine mit sauberem Wasser für Ihr Zeug oder so.“ Der Mann wischte sich ein pechschwarzes Blatt aus dem Auge und sah mich an. „Sag mir lieber, wie so eine Scheiße überhaupt passieren kann.“ „Ja, manchmal kommt so etwas vor“, sagte ich. „Die Abflußrohre verstopfen manchmal, und altes Regenwasser bleibt in dem Siel stehen. Durch irgendeinen Umstand löst sich plötzlich dann diese Verstopfung.“ – „Komisch“, sagte der Mann. „Ich komme schon viele Jahre mit meinen Schwestern hierher an den Strand, aber von so etwas habe ich noch nie was gehört oder gesehen.“ „Es kommt auch nicht oft vor“, gab ich zu bedenken. Ich fragte noch mal: „Sollen wir Ihnen frisches Wasser bringen?“ „Nein, danke“, sagte der Mann, „unser Zeug können wir auch im Elbwasser spülen.“

Wir drei gingen langsam die Treppe hoch. Ute sagte in einem fast weinerlichen Ton: „Was haben wir nur da wieder gemacht, die Leute tun mir so leid.“ Buzi fauchte Sie an: „Hör Du doch nur mit dem Gejammer auf, Du warst es doch, die nicht genug Wasser in das Siel bekommen konnte.“